8. Juli 2020

Leben und Lernen

„Zu heiß, zu trocken, zu windig“:

Expertenrunde diskutiert beim „Klima Talk“ über die regionalen Folgen des Klimawandels

Die Expertenrunde in der KLIMA ARENA ist sich einig: Wir Menschen müssen uns zwangsläufig auf die stark veränderten Klima- und Wetterphänomene einstellen. Und was global gilt, trifft eben auf die regionalen und lokalen Gegebenheiten zu. Knapp zwei Stunden lang diskutieren beim ersten „Klima Talk“ und Hybrid-Event Professor Johann Georg Goldammer (Universität Freiburg), Philipp Schweigler (Forstamtsleiter des Rhein-Neckar-Kreises) und Gerrit Kleemann (Amtsleiter Landwirtschaft und Naturschutz des Rhein-Neckar-Kreises) über das Thema „Klimawandel, Wetterextreme, Dürre“. Unter der Regie von Moderator Thomas Miltner entwickelt sich ein munteres Fachgespräch, in dessen Verlauf Sinsheims Oberbürgermeister Jörg Albrecht und Stadtbrandmeister Michael Hess integriert werden.

Professor Johann Georg Goldammer (Universität Freiburg)Der 70-jährige Goldammer ist ein weltweit renommierter Spezialist. An der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg beschäftigt sich eine Forschergruppe mit Feuerökologie. Goldammer berichtet exemplarisch über das Inferno von Mati. In der Vorstadt von Athen starben im Juli 2018 insgesamt 102 Menschen, darüber hinaus wurden bei verheerenden Waldbränden 2500 Häuser in Schutt und Asche gelegt. In der Retrospektive sagte Goldammer, Mati sei nicht beherrschbar gewesen. „Wir haben einen zukunftsorientierten Plan entwickelt, um die dortige Gegend resilient gegen solch eine Extremsituation zu machen“, so der „Feuer-Berater“ der griechischen Regierung.

Um Landschaftsbrände effizient zu kontrollieren, bedarf es radikaler und mutiger Strategien. Deutschland kann auf 1,3 Millionen freiwillige Feuerwehrleute setzen, gefragt sind freilich Spezialkenntnisse in der Bekämpfung von Bränden, sei es im Wald oder in den Offenlandschaften. Goldammer sieht Parallelen zur Corona-Pandemie: „Wir müssen lernen, mit dem Feuer zu leben und dieses zu lenken.“ Feuermanagement laute das zentrale Stichwort. Der Wald der Zukunft führe „in diesem Klima der Unsicherheit“ unwillkürlich dazu, eine andere Baumartenwahl zu forcieren und ihn als Produkt unseres kulturellen Handelns zu verstehen.

Gerrit Kleemann, Amtsleiter Landwirtschaft und Naturschutz des Rhein-Neckar-KreisesPhilipp Schweigler, Forstamtsleiter des Rhein-Neckar-KreisesDie Thesen von Goldammer unterstützt Förster Schweigler. Die veränderte Klimasituation sei im Prägesystem Wald deutlich erkennbar und erschreckender als gedacht und unterm Strich „der Auslösefaktor Nummer eins“. Die heimische Buche oder Kiefer hätten es wegen zunehmender physiologischer Trockenheit immer schwerer. Man müsse es also mit trockentoleranteren Bäumen ausprobieren, siehe Douglasie oder Zeder. „Ich vergleiche es gerne mit einer Reise Richtung Süden bzw. Mittelmeer. Wir bestimmen, ob der Zug in Lyon oder erst in Barcelona hält“, befürwortet Schweigler einen niedrigeren, lichteren Baumwuchs ähnlich wie in mediterranen Zonen.

Gerrit Kleemann fasste den Status quo plakativ zusammen. „Es ist zu heiß, zu trocken und zu windig“, bewertete Kleemann den Klimawandel, „im Winter ist auch nicht mehr richtig kalt, so dass die Pflanzen nicht in den notwendigen Froststrukturen bleiben.“ Der Experte vom Landratsamt empfiehlt andere Anbau- und Zuchtmethoden sowie den Einsatz von radargeschützten, modernen Gerätschaften. Die Anzahl der verschiedenen Kulturen werde in der Landwirtschaft abnehmen. „Wir können noch keine Orangen oder Zitronen anbauen – gottseidank“, so Kleemanns süffisante Anmerkung.

Sinsheimer Stadtoberhaupt Oberbürgermeister Jörg AlbrechtOB Albrecht hebt hervor, dass der Klimawandel eigentlich das gesellschaftliche Topthema sei, doch weitgehend „in der Pandemie-Zeit ausgeblendet wird“. Seit Mitte der neunziger Jahre hätten die Kommunen der Region vor allem in den Hochwasserschutz investiert, inzwischen genieße längst der Grundwasserschutz oberste Priorität. Albrecht: „Das Problem ist, dass die Brunnen trocken gefallen sind.“ Generell hält das Sinsheimer Stadtoberhaupt Überzeugungsarbeit und Sensibilisierung in Sachen Klima für absolut essentiell.

An einen Lerneffekt in der Gesellschaft glaubt Professor Goldammer. Die Politiker hätten sich bei Corona auf die Kenntnisse der Wissenschaft gestützt, also sollten sie dies auch beim Thema Klimawandel tun. „Es ist klar, dass das Diktat der Umweltentwicklung für die Politik nicht mehr zu leugnen ist“, so Goldammer, „wir müssen handeln. Es geht um die Zukunft unseres Landes und unserer Erde.“ Der erfahrene Wissenschaftler plädiert für eine „Revitalisierung des ländlichen Raumes“ und sieht darin einen sinnvollen Kontrapunkt zum gegenwärtigen Trend der Urbanisierung.

Vor 25 Gästen vor Ort und über 100 Zuschauern im Livestream stellt die Expertenrunde viele lokale Bezüge her. Die Natur soll und darf sich entfalten, gleichzeitig sollte sie aber den veränderten klimatischen Verhältnissen angepasst werden. Im Umfeld von Walldorf ist der Zustand des Waldes anders als in der Kraichgau-Region. „Rund um Sinsheim ist es noch nicht so gravierend“, berichtet Philipp Schweigler, „aber wir wissen halt nicht, was in den nächsten 100 oder 200 Jahren auf uns zukommt.“

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Fotos:
© Dominik Karaca