30. Juni 2021

Interview mit Dr. Gerhard Thiele, füherer Astronaut

Dr. Gerhard Thiele, früherer Astronaut, Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Europäischen Weltraumorganisation ESA, wird unser Ehrengast am Open-Air-Wochenende „Sinfonie für unser Erde“, vom 2. bis 4. Juli 2021, sein. Im Vorfeld hat er uns ein kurzes Interview gegeben.

 

 

Kurzbiografie Dr. Gerhard Thiele

Als Teil der ENDEAVOUR-Crew, die bei ihrem Forschungsauftrag im All in elf Tagen die Erde neu vermessen hatte, war Gerhard Thiele im Jahr 2000 als Astronaut mit an Bord. Als Leiter des Astronautenbüros der ESA war er 2009 für die letzte Astronautenauswahl der ESA verantwortlich. Bis zu seinem Ausscheiden bei ESA Ende 2015 leitete er das Büro für „Strategische Planung und Outreach“ im Direktorat für Bemannte Raumfahrt und Betrieb. Heute ist Gerhard Thiele Lehrbeauftragter an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen und selbständiger Berater.

Herr Thiele, wir freuen uns sehr, Sie Anfang Juli bei uns in der KLIMA ARENA als Ehrengast begrüßen zu dürfen. Können Sie einen kurzen Ausblick geben, auf Ihre Teilnahme an unserem Open-Air-Wochenende geben, um auch die Vorfreude unserer Besucherinnen und Besucher noch zu steigern?

Ich freue mich auf den Versuch gemeinsam mit “Stardust Sinfonie”, die das Konzert “Heimatplanet” geben werden, den Weltenraum auf zwei ganz unterschiedlichen Wegen ein wenig erfahrbar zu machen. Wenn man so will: einen kognitiven und emotionalen  Zugang zu den nicht wirklich fassbaren Dimensionen des Weltalls zu finden. Außerdem werde ich in Interviews von meiner Arbeit als Astronaut berichten – auch den jüngsten Besuchern werde ich sonntags Rede und Antwort stehen.

Sie begleiten unsere Besucherinnen und Besucher gleichsam ins All. Wo sehen Sie den Brückenschlag zwischen Raumfahrt und dem Thema Klimaschutz?

Mein Astronautenstatus verleiht mir keine besondere Autorität in Klimafragen, ich kann mich nur als wissenschaftlich ausgebildeter, informierter Laie dazu äußern. Hans Schlegel, Thomas Reiter oder Alexander Gerst, die alle im Abstand von mehreren Jahren ein zweites Mal im All gewesen sind, haben berichtet, dass sie Veränderungen wahrgenommen haben. Wie in manchen Gebieten beispielsweise der Regenwald stark abgeholzt worden ist. Solche Wunden, die wir der Erde schlagen, kann man ganz deutlich sehen. Es ist etwas anderes, ob man es mit eigenen Augen sieht oder ich mir Daten dazu ansehe. Und vielleicht haben die Besucherinnen und Besucher während der Veranstaltung ja die Chance, diesen Perspektivwechsel in die Sicht eines Astronauten ein wenig nachzuvollziehen.

Sie sind promovierter Physiker, wie wird man vom Wissenschaftler der Physik zum Astronauten?

Wenn Sie mich fragen, „Wie kommt man darauf Astronaut zu werden?“, ist meine Antwort: Ich weiß es nicht! Ich muss auch nicht wissen WARUM, aber ich wusste, DASS ich Astronaut werden wollte. Als ich elf Jahre alt war, kauften meine Eltern 1965 ihr erstes Fernsehgerät. Eine der ersten Sendungen, die ich gesehen habe, war der  Start des US-amerikanischen Raumschiffs „Gemini III“ mit John Young und Gus Grissom. Von da an habe ich mich als Kind viel mit Weltall, Raumfahrt und den Sternen beschäftigt. Der Traum Astronaut zu werden war sehr lebendig, als ich mit sechzehn Jahren begriffen habe: Bemannte Raumflüge werden nur von zwei Staaten durchgeführt, der damaligen Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Der Wunsch Astronaut zu werden stand dann lange nicht mehr im Vordergrund. Ich wurde Physiker und hatte eine akademische Laufbahn vor Augen.

Sie sahen also für sich als Deutschen zunächst keine Chance Astronaut zu werden?

Zwar war Sigmund Jähn 1978 als erster Deutscher im Weltall, aber da stellte sich kein Bezug zu mir her. Es war aus meiner Sicht eine vornehmlich politische Mission und Besetzung. Man kann das daran sehen, dass die damalige Tschechoslowakei, Polen, die damalige DDR, Ungarn, Rumänien und alle anderen genau einen Kosmonauten mit den Sowjets ins All geschickt haben. Bei den Amerikanern war das später anders: die NASA setzte auf eine breite wissenschaftliche Kooperation und so konnten mehrere Astronauten in den beteiligten Nationen eingeladen werden. Dadurch öffnete sich auch für mich eine Tür.

Wie kam es dann dazu, dass das Thema Raumfahrt bei Ihnen schließlich doch wieder aufkam?

Die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DVLR) suchte in dieser Zeit (1977) erstmals nach Wissenschaftlern für ihr Raumlabor „Spacelab“ und die Europäische Weltraumorganisation (ESA) suchte Bewerber für das erste Europäische Astronautenkorps, das an Bord des US-amerikanischen Space Shuttle forschen sollte. Als Ulf Merbold 1982 als erster ESA-Astronaut benannt wurde, war der alte Wunsch sofort wieder da. Und ich hatte den Gedanken „Aber ich wurde ja gar nicht gefragt!“. (Gerhard Thiele lacht) Als ich so mitbekommen habe, dass es jetzt doch eine Chance gäbe ins All zu fliegen, habe ich versucht, an Informationen zu kommen. Das war damals – ohne Internet – ziemlich schwierig. Ich habe Eltern und Geschwistern gesagt, wenn sie irgendetwas von Raumfahrt und Aufrufen zu Bewerbungen als Astronaut lesen, sollen sie mir Bescheid geben.

Ab 1982 verfolgten Sie ihren Berufswunsch Astronaut also ernsthaft. Ihr Interesse wurde belohnt, denn kaum fünf Jahre später wurden Sie dann 1987 in das Astronautenteam des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) berufen. Wie haben Sie das geschafft?

So wie Sie sich auch auf jeden anderen Job bewerben: Ich habe die geforderten Unterlagen zusammengestellt und sie eingereicht. Dahinter steht jedoch eine schöne kleine Geschichte über eine Zufallsbegegnung, die ich genutzt habe.

„Manchmal zeigt sich an einer Mauer, die unüberwindbar scheint, eine Tür. Aber durchgehen muss man schon selber.“

1986 kam mir in der Stuttgarter Fußgängerzone ein Mann mit einem Aktenkoffer entgegen, auf dem allerlei Raumfahrt-Aufkleber sichtbar waren. Ich erkannte ihn, das war Ernst Messerschmid, der kurz zuvor (1985), mit dem ersten von Deutschland finanzierten Spacelab-Flug an Bord der US-Raumfähre Challenger in den Weltraum geflogen. Erst lief ich weiter, aber dann dachte ich „so eine Chance bekommst Du nie wieder!“, drehte um, suchte Ernst Messerschmid zwischen den Menschen, sprach ihn an und fragte ihn ganz direkt, wie man Astronaut werden könne. Er gab mir einen Kontakt beim DVLR.

Und dann haben Sie sich direkt bei der damaligen Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DVLR) beworben?

Ich habe an den von Messerschmid erhaltenen Kontakt, ohne aktuelle Ausschreibung, hingeschrieben und Interesse bekundet. Daraus entstand jedoch zunächst nichts, ich solle lediglich die Stellenausschreibungen beobachten. Nach meinem Umzug in die USA wurde ich dann auf den Aufruf zur Bewerbung aufmerksam gemacht und bewarb mich. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium in den Bereichen Physik, Chemie, Biologie, Medizin, oder Ingenieurwissenschaften sowie eine mehrjährige Forschungstätigkeit waren unter anderem gefordert. Ich kam ins Auswahlverfahren und wurde 1987 berufen. Unter den letzten 13 Bewerberinnen und Bewerbern waren alle gut geeignet, man hätte jeden auswählen können. Mit etwas Glück gehörte ich zu den fünf Ausgewählten.

„Ich sage manchmal, unverschämtes Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“

Ab 1987 begannen Sie ihr Astronautentraining und ihre Karriere beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie später der ESA. Im Jahr 2000 schließlich flogen Sie an Bord der „Endeavour“ in All. Die Mission dieses Flugs war keine geringere, als die Vermessung der Erde in elf Tagen. Berichten Sie uns aus Ihrer Sicht: Wie verlief Ihre Mission?

Man muss sich klarmachen: alles, was in den elf Tagen der Mission nicht geschafft wird, wird auch nie nachgeholt werden. Das erzeugt einen Druck, möglichst fehlerfrei zu arbeiten. Wenn man ein Raumfahrzeug in den Orbit schickt, will man das maximal Mögliche herausholen. Für die Crew an Bord hieß das: 15 Stunden hochkonzentrierte Arbeit an jedem Tag, da gibt es keinen Sonn- oder Feiertag. Das betrifft nicht nur die Astronauten, sondern auch das gesamte Team am Boden.

„Raumfahrt wird nicht nur von den Astronauten gemacht, sondern vom gesamten Team, das dahintersteckt. Jeder ist wichtig“

Was genau war die Aufgabe Ihres Teams bei Ihrem Flug?

Unser Ziel war die digitale Vermessung der fast gesamten Landmasse der Erde mit bislang unerreichter Genauigkeit. In den hochzivilisierten Gegenden gab es natürlich schon entsprechende Daten, aber eben nicht global. Theoretisch hätte das auch mit Flugzeugen vermessen werden können, aber dafür hätten sehr viele Flugzeuge jahrzehntelang täglich im Einsatz sein müssen. benötigt. Wir haben in nur elf Tagen quasi eine Momentaufnahme der gesamten Erde machen können. Das ergab nicht nur wunderschöne Bilder, zum Beispiel vom Ätna. Wir können den Ätna heute mit dem Vulkan vor zwanzig Jahren vergleichen und sehen, wo sich Gebiete gehoben oder gesenkt haben.

Das Ergebnis Ihrer Mission hat also ein bedeutendes Ergebnis für die Wissenschaft gebracht.

Glücklicherweise ja, aber es gibt auch Aspekte über die wissenschaftlichen hinaus. Jedes Infrastrukturprojekt braucht Geländedaten. Oder ein ganz konkretes Beispiel: Kurz nach unserer Mission gab es in der Kaschmirregion ein katastrophales Erdbeben. Wege wurden verschüttet, man konnte nicht mehr zu den Menschen vordringen. Das DLR hat umgehend insbesondere Messungen aus dieser Region ausgewertet, um den Hilfsmannschaften Daten zur Verfügung zu stellen, wie man durch die unwegsamen Gebiete einen Weg finden kann. Das ist nur ein Beispiel für gute internationale Zusammenarbeit!

Herr Thiele, können Sie uns noch ein paar ganz persönliche Eindrücke aus Ihrer Zeit im All schildern?

Ich erinnere mich noch, wie ich die Erde das allererste Mal von oben gesehen habe. Meine Aufgabe war den großen Treibstofftank zu fotografieren, den wir eben abgesprengt hatten. Ich schaute aus dem Fenster in die glitzernde Schwärze (wie Reinhard Furrer sie einmal genannt hat) und wartete, dass der Tank ins Sichtfeld rücken würde, während sich das Shuttle langsam auf den Rücken drehte.

„Schließlich schob sich der Tank und dann auch die Erde ins Blickfeld und ich dachte „Wie im IMAX-Kino“.“

Nebenbei erwähnt, schauen Sie sich in Sinsheim im IMAX-Kino unbedingt „Der blaue Planet“ an.

Es gibt so viele Eindrücke, welchen soll man herausheben? In einer Nacht flogen wir übers Mittelmeer, auf Libyen und Ägypten zu und plötzlich sahen wir ein schier endloses Lichterband, das sich auf uns zuzuschieben schien. Wir wussten erst nicht, was dies sein könnte, dann wurde uns klar, es war der Nil. Natürlich konnten wir den Nil bei Nacht nicht sehen, doch die Menschen zeichneten mit ihren Städten und Dörfern den Fluss nach. Das war schon ein sehr bewegender Augenblick. Und ich fragte mich, ob schon ihre Vorfahren vor vielen Tausend Jahren vom Flug unter den Sternen geträumt haben.

Herr Thiele, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und den Einblick in Ihren beruflichen Werdegang und Ihre Erlebnisse im All.

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