8. Dezember 2020

Größeres Umdenken, größere Wertschätzung

Im „Klima Talk“ diskutieren am Freitagabend Kai Nebel, Professor Arnold Gevers und Nicole Kösegi über das Thema „Coole Sache: Mehr Chic, weniger CO2?“ Rosa Omeñaca Prado moderiert den YouTube-Livestream, bei dem sich die Zuschauer per Chat zuschalten können.

Trends können sich relativ leicht zum „Feind“ entwickeln. Siehe in der Textil- und Modebranche, die vorwiegend vom überzogenen Konsum, von der mangelnden Qualität vieler Materialien und von der irrationalen Suche nach permanenter Abwechslung lebt. Der World Wide Fund For Nature (WWF), mit Stammsitz in Gland/Kanton Waadt am Genfer See, hat festgestellt, dass die Textilindustrie mit jährlich 1,7 Milliarden Tonnen CO2 signifikant für globale Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Der ökologische Fußabdruck dieser Branche ist viel zu groß. Doch wie lässt sich der gefährliche Kreislauf von CO2-Emissionen, hohem Wasserverbrauch, Wasserverschmutzung und verwendeten Chemikalien durchbrechen? Wie lässt sich ein breites Bewusstsein hin zu mehr Nachhaltigkeit und soliderem Umweltmanagement herstellen?

Unter dem pointierten Titel „Coole Sache: Mehr Chic, weniger CO2?“ debattieren am Freitagabend (11. Dezember, 19.30 bis 20.30 Uhr) in unserer Reihe „Klima Talk“ in einem YouTube-Livestream ausgewiesene Expertinnen und Experten unter der Leitung von Moderatorin und TV-Journalistin Rosa Omeñaca Prado über ein vielschichtiges Thema, das viele Fragen hinsichtlich der relevanten Teilaspekte Rohstoffgewinnung, Transport, Produktion, Konsum und Nutzung und Recycling aufwirft.

Mutter aller Fragen

Für Kai Nebel, den Dozenten der Hochschule Reutlingen und der Hochschule Albstadt-Sigmaringen, stellt sich dabei die Mutter aller Fragen: Was ist eigentlich nachhaltige Kleidung? Die Antwort darauf fällt seinerseits schlagfertig aus. „Die Kleidung, die erst gar nicht produziert werden muss“, sagt Nebel schelmisch. Die Fast-Fashion-Industrie habe extreme Ausmaße angenommen, es werde seit einigen Jahren weltweit auf Teufel-komm-raus hergestellt, es gebe keine Wertschätzung für Kleidung, es könne nicht angehen, dass Produktion allein um der Produktion willen erfolge.
Der studierte Diplom-Ingenieur plädiert vielmehr für gezielten Nutzen statt ausuferndem Konsum. Dem enormen Ressourcenverbrauch in der Herstellung könne mit bewusstem Einkaufen, Vernunft und Augenmaß begegnet werden. „Wir leben in einer Konsumgesellschaft, also muss jeder bei sich persönlich ansetzen“, empfiehlt Kai Nebel. Seine Lösungsansätze für eine erfolgreiche textile Kreislaufwirtschaft: Qualitätssicherung, Mehrwertprinzip, regionale Wertschöpfungsketten, Bewusstseinsbildung und Textilleasing. Seine pragmatische Denkweise: „Textilleasing ist ja genau das Gegenteil von Fast Fashion.“

Enthusiast mit doppeltem Boden

Professor Arnold Gevers von der Akademie für Mode & Design in München ist gewissermaßen ein Wanderer zwischen zwei Welten. Da ist zum einen seine Tätigkeit als Wissensvermittler an der Münchner Akademie, zum anderen aber seine Leidenschaft als Modedesigner. Mit dem vor einem Jahr gegründeten Zero-Waste-Fashion-Label „AA Gold“ wird er seinem Anspruch gerecht, möglichst keinen Kleidungsmüll zu produzieren. Er hat eine Software entwickeln lassen, um auf Prototypen verzichten zu können. Virtuelles, dreidimensionales Modedesign ist bei Arnold Gevers angesagt. „Für mich ist Mode nicht nur etwas Dekoratives. Sie hat viel mit der eigenen Identität und Kultur zu tun“, konstatiert er im Vorfeld der Diskussion, „ich bin ein Enthusiast mit doppeltem Boden.“

Bei seinen Studenten hat Arnold Gevers eine ambivalente Haltung festgestellt. Diese fänden das Thema nachhaltige Mode „total spannend und wichtig, es mündet aber nicht in konkretisierte Handlungen.“ Ergo hat Gevers beispielsweise im dritten Semester entschieden, dass im Lehrangebot ein Nachhaltigkeitsansatz für die jungen Leute als Gedankenanstoß dabei sein müsse. Mode soll in erster Linie Geschichten erzählen, sie dürfe chic, attraktiv und begehrenswert sein. „Es geht darum, Kleidung so kreislauffähig wie nur möglich zu machen. Das beißt sich nicht mit Nachhaltigkeit“, erläutert Arnold Gevers seine Position als Modeschöpfer wie als Produzent.

Ein zweites Leben fürs Kleidungsstück

Nicole Kösegi lebte lange in Sinsheim, ehe es sie beruflich nach Hamburg verschlug. Sie ist Recycling-Spezialistin, berät auf freiberuflicher Basis mehrere Unternehmen, darunter auch die Boer Group Recycling Solutions. Man käme mit dem Recycling gar nicht mehr hinterher, da wir als Gesellschaft viel zu viel in die Tonne werfen. Ist der fatale Kreislauf zu stoppen? Nicole Kösegi: „Die beste Recyclingmöglichkeit ist es, dem Kleidungsstück ein zweites Leben zu schenken.“

Der Recycling-Prozess sei ziemlich kompliziert, aufwändig und nur bedingt nachhaltig. Vor allem die Trennung der diversen Fasern stelle ein gravierendes Problem dar. „Ein Umdenken Richtung Second Hand ist doch cool“, so einer der Lösungsvorschläge von Nicole Kösegi. Textilrecycling betrachtet sie dennoch als zwingende Herausforderung und geeignete Investition für die Zukunft. „Ein einfaches ‚weiter so‘ werden wir uns nicht mehr lange erlauben können“, plädiert sie für eine Transformation bis ins Jahr 2030 bzw. 2050, die weit über die ökologischen Belange der Bekleidungs- und Textilindustrie hinausgeht.

Temperamentvolle Moderatorin

Medienfrau Rosa Omeñaca Prado freut sich auf einen regen, fruchtbaren Austausch mit ihren Talk-Gästen. Die in Mannheim lebende Spanierin wird gemeinsam mit Dr. Bernd Welz, Vorstandsvorsitzender der Klimastiftung für Bürger, live im „Studio“ der KLIMA ARENA sein, wenn Kai Nebel, Arnold Gevers und Nicole Kösegi über drei Bildschirme zugeschaltet werden. Zusätzlich zum YouTube-Livestream besteht für die Zuschauer die Chance, sich über einen Chat am „Klima Talk“ aktiv zu beteiligen. „Ich brenne fürs Thema Kleidung und Nachhaltigkeit. Auch für mich ist das eine Premiere“, sagt die temperamentvolle Moderatorin Rosa Omeñaca Prado.
Wenn für mehr Menschen Slow Fashion oder Zero-Waste-Mode zum „Freund“ und alternativen Trend werden sollten, hat das engagierte Quartett vom Freitagabend bestimmt nichts dagegen.

Text: Joachim Klaehn

Hier geht es zum Livestream