13. Oktober 2020

“Ernährung ist weitaus mehr als eine Summe von Lebensmitteln”

“Klima Forum“: „Wieviel Essen ist essen genug?“ – dieser Frage geht Professorin Carola Strassner in einem Online-Vortrag am 18. Oktober nach. Für Interessierte wird die Veranstaltung auch live in der KLIMA ARENA übertragen.

Professorin Carola Strassner (54 Jahre) lehrt und forscht seit vielen Jahren an der Fachhochschule Münster. Ihre Spezialgebiete sind Nachhaltige Ernährungssysteme und Ernährungsökologie Professorin Carola Strassner (54 Jahre) lehrt und forscht seit vielen Jahren an der Fachhochschule Münster. Ihre Spezialgebiete sind Nachhaltige Ernährungssysteme und Ernährungsökologie. Sie studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Henley Business School der Universität Reading/Großbritannien, sowie an der University of Natal (Durban) und der University of Cape Town in Südafrika.

Ihr Online-Vortrag „Wieviel Essen ist essen genug?“ kann via Zoom (siehe Link) verfolgt werden. Wir übertragen die Veranstaltung am kommenden Sonntag (16 bis 17 Uhr) im Rahmen der Reihe „Klima Forum“ auch live in unseren Räumlichkeiten. Wer also nicht alleine zuhause vor dem Computer sitzen oder sich einfach nicht mit der Technik „herumschlagen“ möchte, kann gerne zu uns in die KLIMA ARENA kommen. Die Teilnehmerzahl ist indes begrenzt und erfordert eine Anmeldung.

Im Vorfeld führten wir mit Carola Strassner folgendes Interview:

Frau Strasser, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Ernährungssystemen und Ernährungsökologie. Was macht denn ressourcenschonende, nachhaltige Ernährung aus?
… pflanzenbetont und bunt, größtenteils regional verwurzelt, mit saisonalen Frischeprodukten, eher gering verarbeitet, aus ökologischer Erzeugung, allen Beteiligten gegenüber fair gewonnen, vorwiegend einfach und vor allem lecker!

Wie lassen sich Bewusstsein für eine möglichst optimierte Ernährung und leidenschaftlicher Genuss in Einklang bringen?
Sehr einfach! Mit optimierter Ernährung wird eine nachhaltige Ernährung gedacht, denn optimiert heißt für Boden, Menschen, Tiere und Pflanzen sowie Wasser und Luft – kurzum unser Ökosystem – optimiert. Lebensmittel, die aus einem solchen System hervorgebracht sind, haben eine entsprechend gute Qualität, die sich u.a. im Geschmack wiederfindet. Leidenschaft steckt auch im sachkundigen Umgang mit dieser Rohware und gewisse Fertigkeiten in der Zubereitung. Geselligkeit und Gastlichkeit runden das Genießen ab.

Würden Sie sagen, dass es neben dem Auge, das einem Sprichwort zu Folge ja bekanntlich mitisst, weitere psychologische Beeinflussungsfaktoren beim Menschen gibt?
Klar, der ganze Mensch an sich: Erstens alle (weiteren) Sinneswahrnehmungen (hören, wie es kracht, riechen, wie es duftet, tasten, wie es glupscht). Dann aber auch Emotionen und Motivationen: Wo ist der Mensch gerade, was hat er erlebt, in welcher Verfassung steckt er gerade, welche Historie, Vorerfahrung usw. hat er? Die Frage ist doch, wie sehr lässt er sich davon bestimmen. Achtsamkeitstraining ist ein guter Weg, Esspraxis bewusst wahrzunehmen.

Was halten Sie von Superfood oder Slow Food? Sind diese von der Lebensmittelindustrie als Kontrapunkte aus der Schublade geholt worden – oder steckt etwa doch mehr dahinter?
Superfood ist ein gutes Marketingkonzept, was teilweise hilft, auf den vielseitigen Wert einzelner Lebensmittel hinzuweisen. Glücklicherweise werden die ganzen exotischen Superfoods mit lokalen ergänzt. Denn ein Nebeneffekt solcher Ansätze ist ein zu schnelles Wachstum, eine zu starke, künstlich in die Höhe getriebene Nachfrage. Diese zieht ein entsprechendes Angebot nach sich, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen – die durchaus ökologisch (Bsp. Avocado, Chia) oder auch sozial (Bsp. Quinoa) problematisch geworden sind. Außerdem bleibt der Fokus auf einzelne Lebensmittel und „was die für mich machen können“. Das ist kein Weg in eine nachhaltige Ernährung.

Slow Food hingegen ist eine Philosophie und eine Bewegung, die Werte-getrieben ist. Zu den Werten gehören Respekt und Wertschätzung für die Menschen, die unsere Lebensmittel traditionell anbauen und verarbeiten, und auch für die Pflanzen, Tiere, Lebensmitteln und Landschaften selbst. Slow Food erkennt, dass Ernährung weitaus mehr als eine Summe von Lebensmitteln ist und verortet diese in kulturellen Praktiken – das ist Leben.

Eine vegane Ernährungsausrichtung gewinnt zunehmend an Stellenwert. Auch das Restaurant der KLIMA ARENA, „Rene’s Kitchen“, verschreibt sich diesem Ansatz. Wie ordnen Sie die Bewegung der Veganer ein?
Von der Bewegung rundum Veganismus lernen wir, sich einer pflanzenbetonten Ernährung zu stellen. Vermehrt vegane Speisen in die eigene Ernährung zu integrieren, dabei helfen diejenigen, die es konsequent und langfristig durchziehen.

Sind Veganer etwa „bessere Vegetarier“ – oder doch eher nicht?
Für mich als Ernährungswissenschaftler sind Veganer Menschen, die sich dauerhaft ohne jegliche tierischen Produkte ernähren, also keine Milchprodukte oder Wurstwaren, kein Fleisch oder Honig. Vegetarier hingegen sind Menschen, die sich dauerhaft ohne Produkte von toten Tieren ernähren, wohl aber von lebenden Tieren. Aus meiner Sicht ist ein Vergleich nicht angebracht. Es sind unterschiedliche Wege, die jeweils ihre Konsequenzen haben. Der vegetarische Weg erscheint mir logisch, da er einen landwirtschaftlichen Nährstoffkreislauf bilden lässt. Es gibt die erste vegane Landwirtschaft, die ich mit großem Interesse verfolge. Bisher lassen sich wohl nicht alle pflanzlichen Lebensmittel vegan anbauen. Wir werden sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Ist der „Black Friday“ am letzten Freitag im November ein opportunes Mittel, um gesunde Ernährung gezielt zu propagieren? Oder ist es letztlich auch ein Auswuchs unserer Konsumgesellschaft?
Gesunde Ernährung würde ich nicht gezielt propagieren. Das funktioniert weder bei Kindern und Jugendlichen noch bei Erwachsenen. Frei nach Antoine de Saint Exupéry, der schrieb: Wenn du ein Schiff bauen willst, lehre den Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer – so würde ich suchen, welche Sehnsucht können wir den Menschen lehren, dass sie sich gesund ernähren wollen.

Black Friday eignet sich, um gezielt über Konsum und vor allem Konsumauswüchse zu sprechen – egal, ob diese im Ernährungsbereich oder anderswo in der Gesellschaft vorkommen.

Der Welternährungstag wurde 1979 eingeführt und jedes Jahr auf den 16. Oktober terminiert. Wie können die Themen Welthunger und Ernährungssicherung, gerade in Ländern der Dritten Welt, besser gesteuert werden? Und letztlich zu einer gerechteren, humaneren und global ausgerichteten Verteilung führen?
… in dem wir in der sogenannten Ersten Welt mit wesentlich gesteigertem Bewusstsein für die Verbindungen zwischen unserem Essen und ‚denen da drüben‘ agieren … Wir dürfen und sollten durchaus ein bisschen mehr bei uns selbst anfangen.

Zwei Tage später, am 18. Oktober, findet Ihr Online-Vortrag statt. Stimmen Sie uns bitte darauf ein, ohne gleich alles verraten zu wollen?
In meinem Vortrag werden einige ernährungsbezogene Trends vor dem Hintergrund allgemeiner ökologischer und sozio-technischer Megatrends kritisch reflektiert. Die Konsumrealität wird Alternativbewegungen gegenüber gestellt. Das Essen weit mehr als psychologisches Grundbedürfnis ist, erweist sich als relevante Kenngröße für die Chancen für Suffizienz. Kann im Ernährungssystem weniger produziert und weniger konsumiert werden? Folgen daraus suffiziente Lebensstile und gar eine Suffizienzökonomie? Ich werde die Möglichkeiten, aber auch die Folgen beleuchten.

Warum passen große Themen wie Klima, Gesundheit und Ernährung so gut zusammen?
Sie passen nicht nur so gut zusammen, sie sind auch zusammen und unzertrennlich verbunden. UN-Generalsekretär António Guterres zeigt auf Ernährung als zentrales Element, um alle 17 nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen.

Abschlussfrage: Wie maßvoll, ökologisch und nachhaltig sieht denn Ihr persönlicher Lebensalltag in puncto Ernährung aus?
Wir sind seit mehr als zehn Jahren Mitglied in einem gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaftsbetrieb, die Gärtnerei Entrup. Das Modell ‚Von einer Gemeinschaft getragen‘ ist auch bekannt als CSA – Community Supported Agriculture, oder auch als Solawi – Solidarische Landwirtschaft. Der Hof mit seinen ca. 30 Hektar ernährt etwa 200 Personenhaushalte mit mehr als 40 Kulturen aus der Gärtnerei. Hinzu kommt die Milchschafhaltung für Joghurt und Käseprodukte aus der Hofkäserei, eine Hofbäckerei, ein Hofladen sowie eine Marktbeschickung. Und vor allem: Eine starke Gemeinschaft, die mitmacht.

Frau Strasser, herzlichen Dank für das Gespräch.