10. August 2020

„Die Natur ist eine großartige Inspiration“

Modeschöpferin Martina Glomb über die Ausstellung „use-less“, die Erforschung des eigenen Kleiderschrankes und die Wertschätzung von textilen Materialien.

Modeschöpferin Martina Glomb über die Ausstellung „use-less“Martina Glomb (60) bezeichnet sich selbst als Modeschöpferin – und doch spricht sie lieber über Kleidung. Sie wuchs in Bremen auf, machte eine Schneiderlehre im Couture-Atelier, arbeitete viele Jahre lang als Chefdesignerin bei Vivienne Westwood in London und unterrichtet seit 2005 Modedesign an der Hochschule Hannover.
Von 22. August bis 7. Februar 2021 gastiert die Wanderausstellung „use-less – Slow Fashion gegen Verschwendung und hässliche Kleidung“ in der KLIMA ARENA. Gemeinsam mit ihrem Team möchte dabei Professorin Martina Glomb nachhaltige Designstrategien und Lösungsansätze aufzeigen. Wir führten mit der experimentierfreudigen, humorvollen und selbstironischen Schaffenskünstlerin ein ausführliches Gespräch vor der Eröffnung von „use-less“.

Frau Glomb, wann und wo haben Sie in aller Regel die kreativsten und besten Einfälle in Sachen Kleidung?
Viele Einfälle kommen durch Gespräche im Team. Da helfen mir die kreativen Frauen von unserem „Use-Less Zentrum für nachhaltige Designstrategien“. Vieles kommt beim Stöbern in Wollresten, beim Experimentieren, beim Lesen und Spazieren gehen. Ich verbringe meine Freizeit in der Natur. Sie ist für Modedesignerinnen und Modedesigner eine großartige Inspiration. Schaufenster und Trendforen langweilen mich.

Ihr Großvater und Ihr Vater waren Schneider. Was haben Sie von beiden jeweils gelernt?
Ich erinnere mich an das Anfassen und Hantieren mit textilen Materialien, hauptsächlich Wolle. Meine Refugien waren die Restekiste und die Schubladen mit Knöpfen. Da war die Aufregung vor und während der Anproben und der Geruch von Rosshaareinlage beim Bügeln. Um etwas Konkretes zu lernen, war ich wahrscheinlich zu jung, aber das Atelier, die Schneiderwerkstatt und der Zeichentisch meiner Mutter waren und sind bis heute meine Zuflucht und mein „Wellness-Bereich“.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Mode? Gab es denn so etwas wie ein Schlüsselerlebnis oder Kindheitserlebnis, was Sie maßgeblich geprägt hat?
Mein Vater hat mir einen klassischen Männeranzug genäht, als ich acht Jahre war. Dazu einen Hippieparka und eine Indianerhaube aus Hühnerfedern. Ich habe mich stolz und sicher in diesen Outfits gefühlt. Leider habe ich kein Foto.

Zwölf Jahre lang haben Sie mit der Stardesignerin und Stil-Ikone Vivienne Westwood in der Modemetropole London zusammengearbeitet. Wie war Ihre Verbindung? Ist die einstige „Queen of Punk“ noch immer ein Vorbild für Sie?
Ich habe unglaublich viel von Vivienne und ihrem Mann Andreas und dem Westwood-Team gelernt. Vivienne ist mein absolutes Vorbild. Schön, intelligent und kämpferisch. Sie verfügt über einen riesigen Schatz an Wissen und Erfahrung über Kunst, Kultur, Philosophie, Politik und Handwerk. Sie entwickelt daraus einzigartige Konzepte und Ideen und eine komplett eigene Welt.

Sehen Sie sich, in Ihrem Selbstverständnis, zumindest hin und wieder noch als Punk? Was kann Punk auslösen?
Ich kann es leider nicht lassen, wenn alle einer Meinung sind, die Gegenseite einzunehmen. Punk war eine romantische Bewegung, in der sich eine rebellische Attitüde mit sensibler Selbstinszenierung verbunden hat und in der Geld und Besitz unwichtig waren. Punk ist eine Attitüde, kein „Look“ mit Sicherheitsnadeln und Lederjacke. Es ist wichtig, eine solche Gegenposition zu kultivieren, auch wenn diese vermeintlich nichts mehr auslösen kann.

An welchem Punkt Ihres schöpferischen Berufslebens haben Sie Slow Fashion, die für nachhaltige und bewusste Mode steht, als Gegenentwurf zur Fast-Fashion-Industrie entdeckt?
Im Grunde habe ich eigentlich immer das gemacht, was ich richtig und gut fand. Die Wertschätzung für langlebige Mode und Textilien habe ich in meiner Schneiderlehre im Couture-Atelier entwickelt. Ich habe meine Kleidung selber gemacht oder auf Flohmärkten gestöbert. Irgendwann ist dann das, was ich tue, mit „Slow Fashion“ betitelt worden. Das passt auf mich und viele andere.

Was macht ein nachhaltiges Produkt letztlich aus? Welche Hauptkriterien würden Sie diesbezüglich ansetzen?
Es gibt leider kein nachhaltiges Produkt, aber es gibt Dinge und Prozesse, die nachhaltiger sind als andere. In der Ausstellung (use-less) wird deutlich, dass man als Konsument und Konsumentin oder als Designer und Designerin den ganzen textilen Wertschöpfungsprozess bedenken muss, um einschätzen zu können, wie man die Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit beeinflussen kann. Beim Entwurf von Kleidung muss das Ende oder die Wiederverwertung der genutzten Textilien mitgedacht werden. Wir können uns nicht mehr leisten, Mode zu entwickeln, die in der Tonne landet. Gute Kleidung nach Slow-Fashion-Kriterien kann die Umwelt sogar positiv beeinflussen und weder Umwelt, Mensch und Tier müssen leiden.

Das Internet funktioniert wie ein Marktplatz, Slow-Fashion-Geschäfte befinden sich im Aufwind. Haben Sie konkrete Tipps für junge Menschen parat?
Gut informiert kaufen ist eine Option, aber nicht die Beste. Empfehlung: DIY, Second Hand, Kleider tauschen, den eigenen Kleiderschrank erforschen und neu zusammenstellen. Spaß an Mode und Experiment ist besser als den immer neuen Styling- und Kaufempfehlungen zu folgen. Sich selber und das eigene Konsumverhalten kennen und nicht zu vernünftig und ängstlich mit der eigenen Erscheinung umgehen. Am Besten ist es, sich mit Slow Fashion-Designerinnen und -Designern zu vernetzen und sich zu engagieren und auszutauschen.

Slow Fashion gegen Verschwendung und hässliche Kleidung

„use-less“ ist eine Wanderausstellung mit interaktivem Charakter. Welche Philosophie verbirgt sich dahinter?
Die Ausstellung zeigt auf gestalterischer Ebene den Stand von nachhaltigen Designstrategien, die von Modedesignerinnen und Modedesigner angewendet werden können, um an allen Stellen des textilen Kreislaufs Verbesserungen anzuregen. Das betrifft ebenfalls alle, die an diesem Kreislauf beteiligt sind. Also nicht nur die Produzentinnen und Produzenten von Materialien und Textilien, sondern auch alle Nutzerinnen und Nutzer und besonders die Jüngeren. Am Ende der Ausstellung steht die Frage: „Was können wir ändern?“ Hoffentlich fragen sich das dann auch wirklich alle Besucherinnen und Besucher.

Sie sind in Bremen geboren, waren mit „use-less“ im dortigen Hafenmuseum Speicher XI zu Gast. Ergo ein urbanes Umfeld. Nun gastiert die Ausstellung ab 22. August in Sinsheim in vergleichsweise beschaulicher, kleinstädtischer Umgebung. Mit welchen Erwartungen kommen Sie mit Ihrem engagierten Team in den Kraichgau? Und was können die Besucher der KLIMA ARENA definitiv mitnehmen?
In der heutigen Zeit sind die Möglichkeiten in ländlicher Umgebung nicht viel anders als im städtischen Umfeld. Vernetzung und Austausch können durch digitale Netzwerke stattfinden. Der Zugang zu Informationen ist überall gleich. Ich lebe selber in dörflicher Umgebung und bin heute besser vernetzt als in meinen Jahren in London. Wir wünschen uns für unseren Aufenthalt einen regen Austausch mit interessierten Besucherinnen und Besuchern, vielen Fragen und neuen Anregungen.

Sind Anleitungen zum Selbstmachen mindestens genauso relevant wie Wissensvermittlung, Herkunft, Transport und Verarbeitungsprozess der diversen Stoffe?
Ja, wenn diese der Reparatur oder der Herstellung sinnvoller Kleidungsstücke dienen. Inzwischen gibt es leider auch einen „Fast Fashion DIY-Sektor, der Polyacrylgarne abgepackt in Plastiktüten mit Anleitung an Handarbeitsfans liefert. Ein Kreativitäts-Killer.

Ihr ganz persönlicher Lieblingsstoff ist …
Wolle. Diese ist als Material unschlagbar. Ein nachwachsender Rohstoff mit fantastischen Eigenschaften. Da gibt es schöne Beispiele in der Ausstellung. Als Fan von Seide freue ich mich über die „Peace Silk“, die man ebenfalls in der Ausstellung fühlen und sehen kann. Für sie muss keine Seidenraupe getötet werden. Ich habe viele Lieblingsstoffe aus diesen oder anderen Materialien. Textile Materialien sind für mich ein Glücksfaktor.

Sie unterrichten seit 2005 Modedesign an der Hochschule Hannover. Was fasziniert Sie an der nachfolgenden studentischen Generation? Ticken die ähnlich wie Sie?
Eben nicht; das ist das Faszinierende. Studierende sind durch Social Media und die vielen Plattformen scheinbar besser informiert, aber viele finden einen tiefgehenden Einstieg in das Spektrum von Modedesign erst bei uns. Im Studiengang Modedesign der Hochschule Hannover bilden wir ein diverses Spektrum an Studierenden aus. Egal ob sie digital am Avatar arbeiten oder aufwändige handwerkliche Techniken verwenden, ob sie sich für Couture oder Streetwear interessieren, Studierende finden ihr ganz eigenes individuelles Profil durch die Diskussionen und Unterschiedlichkeiten.

Ist bei den Studierenden eine starke Haltung zu ökologischer, ressourcenschonender Kollektionserstellung erkennbar?
Erfreulicherweise ist eigentlich bei fast allen das Bewusstsein dafür. Wir vermitteln Hintergrundwissen, Methoden und Möglichkeiten der Umsetzung über die gesamte textile Wertschöpfungskette hinweg. Einige Beispiele sind in der Ausstellung zu sehen.

Sie sind vermutlich mit Schneiderkreide groß geworden. Spielt die in der heutigen digitalen Welt überhaupt noch irgendeine Rolle?
Je digitaler die Welt, um so faszinierender die traditionellen Techniken. Es wird beides in Verbindung oder auch Seite an Seite geben.

Sie leben in einem Bauernhaus im Teufelsmoor bei Worpswede. Ist das Ihr Rückzugsort und zugleich Korrektiv zur futuristisch anmutenden Expo Plaza 2 von Hannover?
Ich liebe den Satelliten der Hochschule Hannover an der Expo mit den Werkstätten. Konzentriertes Arbeiten ist ebenso möglich wie interdisziplinäre Projekte. Aber ein einfaches, natürliches Leben ist dazu ein schöner Gegensatz. Jetzt gerade sitze ich mit Computer und zwei Bildschirmen draußen und blicke auf rauschende Baumwipfel und über das weite Moor.

Sie sprachen mal von Kleidung als Schatz, der so lange wie nur möglich gehütet werden müsse. Bedeutet dies im Umkehrschluss: Es gibt gar keine alten Klamotten?
Eigentlich stimmt das, aber der Schatz ist inzwischen Falschgold. Durch die unglaublich vielen Produkte der Fast Fashion-Industrie in schlechter Qualität ist hochwertige Kleidung selten geworden – und in der Altkleidersammlung landet minderwertige Ware. Es gibt Lösungsansätze mit neuen Fasern und neuen Recycling-Methoden, aber wenn weiter unreflektiert so viel gekauft und weggeworfen wird, bekommen wir ein Problem. Hier darf man Vivienne Westwood, die Schirmherrin der Ausstellung, zitieren:
„Buy less, choose well, make it last”

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sich Menschen in Deutschland im Jahr 2100 kleiden könnten?
Kleidung wird intelligent in geschlossenen Kreisläufen restlos produziert. Ein zukunftsweisendes Konzept bietet z.B.: Atacac (siehe Ausstellung). Jede Person ist individuell, schrill und bunt gekleidet. Es gibt keine Massenware, sondern eine Mischung aus einfacher Basisgarderobe und handgearbeiteten Einzelstücken. Menschen pflegen und zelebrieren ihre Textilien und gehen wertschätzend, humorvoll und ohne Zwänge von künstlichen Trends mit Selbstinszenierung um.

Wenn Sie zum Abschluss bitte folgende drei Sätze vervollständigen würden:

London und Hannover sind für mich …
… gar nicht so unähnlich in Bezug auf Arbeitsethos und Kultur, auch wenn viele Leute, die in genannten Städten zu Hause sind, das jetzt vehement abstreiten würden.

Mittelmäßige, kommerzielle Mode löst in mir …
… gar nichts aus.

„use-less“ und die Sinsheimer KLIMA ARENA als Ausstellungsort passen synergetisch zusammen, weil …
… beide positive Möglichkeiten der Veränderung aufzeigen, die für alle Personen umzusetzen sind.

Frau Glomb, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.