Klimafaktor Fleisch: Wie klimaschädlich ist Fleischkonsum wirklich?

„Fleischesser sind Egoisten! Die denken nicht an die anderen, denen ist das Klima völlig egal! Hauptsache das Mettbrötchen schmeckt!“

Fleisch ist ein Klimakiller – das hören wir in den letzten Jahren immer wieder, mit den verschiedensten Argumentationen. Aber inwiefern basiert das auf wissenschaftlichen Fakten? Zeit für einen Klimacheck!

Hier kommst du zu dem Video

Beim Klimawandel denken wir sofort an Flugzeuge, Stau im Stadtverkehr und eben – das Schnitzel auf dem Teller. Die Massentierhaltung soll der größte globale Co2-Treiber sein, der globale Verkehr liegt knapp dahinter auf dem zweiten Platz. Und das behauptet nicht irgendwer, die Zahlen zur Massentierhaltung stammen von der Landwirtschaftsorganisation FAO der UN, der Vereinten Nationen. Die Experten dort haben ausgerechnet: 14, 5 Prozent der weltweiten durch Menschen verursachten Treibhausgasemissionen kommen aus der Haltung und Verarbeitung von Tieren.[1] Und wir essen ziemlich viel Fleisch!

Jeder Deutsche verzehrt jährlich 60 kg Fleisch

Obwohl sich mittlerweile rund 8 Prozent der Deutschen vegan oder vegetarisch ernähren, verzehrt jeder Deutsche im Durchschnitt, also Kinder und Vegetarier eingerechnet, jährlich rund 60 Kilogramm Fleisch – das ist doppelt so viel wie das, was unsere Großeltern so gegessen haben.[2] Bei Oma und Opa gab es ja oft nur ein Mal pro Woche Fleisch – und hätten wir das so weitergeführt, würde es dieses Video vielleicht gar nicht geben, weil wir uns keine Gedanken über die Klimafolgen der Massentierhaltung machen müssten. Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 59,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde für den Verkauf geschlachtet, schätzt das Statistische Bundesamt. Und 98 Prozent unseres Fleisches, also fast, kommt nun mal aus der Massenhaltung, daher beschäftigen wir uns auch damit.

Fleisch CO2 Verbrauch

Da schneiden andere Lebensmittel auf den ersten Blick weit besser ab:

  • Ein Kilo Rindfleisch setzt umgerechnet etwa 12,3 Kilo CO2 frei. Zum Vergleich:
  • Ein Kilo Äpfel macht dagegen nur 250 Gramm CO2 und ein Kilo Mischbrot auch nur 590 Gramm CO2 [3]

Klar, diese Werte sind auch immer schwer zu bestimmen – welche welche Fleischsorte nimmt man? Welche Äpfel? Auch bei Äpfeln gibt es natürlich große Unterschiede, je nachdem wo der Apfel herkommt, wie er transportiert oder gelagert wird, da komme ich später nochmal drauf zurück. Aber ihr seht trotzdem, da liegt eine ziemliche Hausnummer zwischen den Produkten.

Klimafaktor Tierhaltung

Fangen wir bei der Tierhaltung an, die Tierhaltung an sich ist schon der erste Klimafaktor. Tiere – und Menschen – stoßen klimaschädliche Gase aus. Da müssen wir vor allem über Methan reden. Methan gehört mit zu den klimaschädlichen Treibhausgasen und entsteht z. B. in unserem Verdauungstrakt. Aber richtig viel Methan erzeugen Wiederkäuer, allen voran die Kühe.

Das Thema „Klimafaktor Fleisch: Wie klimaschädlich ist Fleischkonsum wirklich“ interessiert dich?

Besuche die KLIMA ARENA Sinsheim und erfahre mehr über die Auswirkungen des Klimawandels hautnah. In spannenden Führungen, tollen Veranstaltungen lernt ihr interaktiv das Thema Klima und deine Handlungsmöglichkeiten kennen. Jetzt informieren!

Weniger Fleisch essen – effizienteste Methode um Methanemission zu reduzieren

In Deutschland leben Millionen Rinder und die produzieren Methan, wenn Bakterien im Magen der Tiere das Futter zersetzen. Das Gas rülpsen und pupsen die Rinder wieder aus. Je mehr ein Tier frisst, desto mehr Methan entsteht und so eine Milchkuh muss ganz schön viel fressen. Immerhin gibt einige tausend Liter Milch pro Jahr und dafür braucht sie Energie.4 Das Methan lagert sich auch in der Gülle ab und wird wieder freigesetzt, wenn es als Dünger auf die Felder kommt, dazu später noch mehr.5 Das Bundesumweltamt sagt zu den Methanemissionen aus der Massentierhaltung übrigens: „Eine Veränderung der Ernährung und die damit einhergehende Verringerung der Tierbestände bei den Wiederkäuern ist die effizienteste Maßnahme, um Methanemissionen zu reduzieren.“[6]

Also weniger Fleisch essen um den Methanausstoß zu reduzieren. Denn wenn wir auf die Zahlen vom Bundesumweltamt schauen, sehen wir folgendes:

  • Ganz grob gerechnet lässt sich sagen: Eine Kuh produziert rund 200 Liter Methan pro Tag. Derzeit werden auf der Welt rund 1,5 Milliarden Kühe gehalten.
  • 1,5 Milliarden Kühe mal 200 Liter Methan – das macht 300 Milliarden Liter Methan pro Tag. Weltweit. 300 Milliarden. Das ist eine 3 mit elf Nullen dran. Wirklich eine unvorstellbar große Zahl!
  • Tja, dazu kommt dann leider auch noch, dass Methan als Treibhausgas rund 25-mal klimaschädlicher ist als Kohlenstoffdioxid.[7]

Fazit: Ein paar Rinder, die Methan rülpsen, kein Ding. Millionen und Abermillionen Rinder weltweit, die Methan rülpsen – das ist definitiv schlecht fürs Klima.

Klimawandel Fleisch

Klimafaktor Futtermittel Soja

Kommen wir zu den Futtermitteln, denn schon die Fütterung in der Massentierhaltung ist definitiv ein Klimafaktor: Das wichtigste Tierfutter deutscher Bauern ist Soja.

Grundsätzlich betrachtet ist Soja ein praktisches Futtermittel für die Tiere, nahrhaft und energiereich, außerdem ist es billig. Das Problem nur: Soja wächst hier überhaupt nicht. Ca. 80 – 90 % des Soja für die Tierfütterung in Deutschland werden aus Südamerika importiert. Und weil die Nachfrage so hoch ist, werden dort weite Flächen des Regenwalds gerodet, um Platz für die Sojafelder zu schaffen.[8] Somit ist Soja also gleich doppelt klimaschädlich.

Aber warum ist es für die Tierwirte denn günstiger, mit einer Pflanze zu füttern, die über tausende Kilometer eingeflogen werden muss? Zum Beispiel, weil die EU keine Zölle auf den Soja-Import erhebt und gleichzeitig wenig investiert in nachhaltige Tierfütterung wie zum Beispiel Weidetierhaltung. Dabei wären die Weiden für das Klima doppelt sinnvoll, weil die Grasflächen selbst Kohlendioxid aufnehmen und speichern. Aber Rinder zB das ganze Jahr auf der Weide zu halten, ist für die Bauern erheblich teurer und auch ineffizienter als die Stallhaltung.

In Zahlen bedeutet der Sojaimport: 4,5 Millionen Tonnen Sojaschrot werden pro Jahr in Deutschland verfüttert. Das bedeutet wiederum, dass alleine das Sojafutter etwa 2,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ausmacht.[9] Das entspricht vom Gewicht etwa 9000 Jumbojets. Um das zu kompensieren müsste man zum Beispiel mehr als 200 Millionen Buchen pflanzen, nur für Deutschland.

Fazit: Definitiv klimaschädlich – außer du KANNST so viele Buchen pflanzen.

Klimafaktor Gülle

Ab Frühjahr 2020 gilt eine neue Gülleverordnung. Die Landwirte dürfen nicht mehr so viel Gülle auf ihren Feldern ausbringen wie bisher. Zu viel Gülle kann nämlich auf Dauer Böden und Grundwasser verunreinigen.[10] Aber die neue Verordnung ändert ja nichts daran, dass Deutschland viel zu viel Gülle produziert, schlicht weil wir viel Landwirtschaft haben und bei vielen Tieren auch viel hinten rauskommt. Was passiert also mit der überschüssigen Gülle? Die Bauern – verkaufen das Zeug. Ernsthaft. Es gibt sogar Güllebörsen für das Geschäft mit den Fäkalien, inklusive Zwischenhändler und allem pipapo. Oft wird die Gülle dann ins Ausland verkauft.

Gerade zwischen Deutschland und Holland wird massenweise Gülle hin- und her-exportiert, meist mit LKW. Genaue Zahlen gibt es nicht, das Gülle-Geschäft scheint ziemlich undurchsichtig zu sein. Aber manche Betriebe legen zumindest offen, dass sie bis zu 200 Kilometer fahren mit voll beladenem LKW. Die LKW fahren leer zurück, das ist also zusätzlich klimaschädlich.[11]

Klimafaktor Tiertransporte

Aber nicht nur die Gülle transportieren wir durch die Gegend, auch die Tiere selbst. Selten findet die Schlachtung dort statt, wo die Tiere aufgezogen wurden. So werden sie teilweise weite Strecken zu den Schlachthäusern transportiert, innerhalb Deutschlands dauern solche Transporte oft ein paar Stunden, innerhalb der EU auch mehrere Tage. Das ist oft eine ziemliche Strapaze für die Tiere, aber aus Sicht des Handels günstiger ist als der Transport vom Fleisch, für den es spezielle Kühllaster bräuchte.12 Über die Umstände dieser Transporte könnte man ein ganz eigenes Video machen, nicht nur Tierschützer sprechen da auch von Tierquälerei, aber das ist ein anderes Thema. Schauen wir also mal auf die Zahlen:

  • Alleine in Deutschland werden pro Jahr rund 700 Millionen Geflügel, 57 Millionen Schweine und 3,4 Millionen Rinder geschlachtet.[13]
  • Die meisten der Tiere werden bis zur Schlachtung öfter als ein Mal transportiert. Ein Ferkel zum Beispiel geht oft von dem Betrieb, wo es geboren wurde, zur Ferkelaufzucht, danach zum Mastbetrieb und von da irgendwann zum Schlachthof. Im Schnitt also vier Transporte pro Schwein.
  • Dazu kommt: Deutschland exportiert pro Jahr rund 80.000 Zuchtrinder an Drittstaaten außerhalb der EU, oft nach Asien und Russland, also mehrere tausende Kilometer weit.[14]

Die Tiere legen in ihrem Leben also etliche Kilometer zurück. Und nach der Schlachtung geht der Weg ja weiter: Die Fleischwaren werden dann über Warenlager auf die Supermärkte und zu Metzgereien und Restaurants in ganz Deutschland verteilt.

Klimafaktor Im- und Export

Kommen wir zum Handel mit dem Fleisch. Denn wir laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wurden 2018 rund 2,9 Millionen Tonnen Fleisch nach Deutschland importiert und rund 4,3 Tonnen Fleisch aus Deutschland exportiert. Dazu kommen dann außerdem nochmal die lebenden Tiere. 2018 wurden lebende Tiere mit einem Schlachtgewicht von insgesamt rund 1,3 Millionen Tonnen im- und exportiert, Tendenz steigend.[15]

Beim Export liegt das am asiatischen Markt. Aktuell exportiert Deutschland sehr viel Schweinefleisch nach China, weil dort wegen der Schweinepest seit 2018 die eigene Produktion zurückgegangen ist. Deswegen rechnet der Handel auch zukünftig mit einer steigenden Nachfrage Chinas nach Fleisch auf dem Weltmarkt.

Steigender Fleischimport durch EU-Mercosur-Abkommen

Und was den Import angeht: Auch der könnte sich in Zukunft noch deutlich steigern, wegen dem geplanten EU-Mercosur-Abkommen. Das Handelsbündnis der südamerikanischen Länder mit der EU. Tritt das Abkommen in Kraft, könnte das bedeuten, dass dadurch rund 100.000 Tonnen Rindfleisch zusätzlich auf den europäischen Markt kommen sollen.[16] Sollte es dazu kommen, wird wohl noch mehr Regenwald-Fläche dafür gerodet werden müssen, mal ganz abgesehen von den zusätzlichen Transportemissionen. Aber auch ohne das Abkommen: Der massenhafte Außenhandel mit Fleisch schadet dem Klima enorm.

Jetzt habe ich viel darüber erzählt, wie schlecht Massentierhaltung für das Klima ist. Das lässt sich aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien ganz klar herauslesen. Bei kleinen Höfen, die ihr Futter regional beziehen, die Tiere große Teile des Jahres im Freien halten und ihr Fleisch nicht exportieren, sieht die Klimabilanz aber auch schon besser aus.

Wenige ist mehr – Weniger Fleischkonsum ist mehr Klimaschutz

Jetzt habe ich viel darüber erzählt, wie schlecht Massentierhaltung für das Klima ist. Das lässt sich aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien ganz klar herauslesen. Bei kleinen Höfen, die ihr Futter regional beziehen, die Tiere große Teile des Jahres im Freien halten und ihr Fleisch nicht exportieren, sieht die Klimabilanz aber auch schon besser aus. Aber was bedeutet das für euch? Auch wenn ihr gerne mal ein Steak esst, könnt ihr etwas fürs Klima tun nach dem Motto „Weniger ist mehr.“ Wenn ihr auf Fleisch verzichten könnt – und seien es nur ein paar Tage pro Woche – tut ihr dem Planeten und euren Mitmenschen definitiv was Gutes. Aber auch klar, wie ich vorhin schon sagte, auch bei Äpfeln gibt es Unterschiede in der CO2-Bilanz, man kann und sollte grundsätzlich bei jedem Lebensmittel hinterfragen, wo es herkommt und wie es produziert wurde. Regionale und saisonale Produkte sind auch schon mal ein guter Anhaltspunkt. Und wenn euch die CO2-Bilanz von Lebensmitteln noch mehr interessiert, da gibt es auch im Internet viele Seiten, wo man sich die CO2-Bilanz der Lebensmittel ausrechnen kann, wir haben euch da auch in der Infobox etwas zu verlinkt.

Und besonders gilt das eben für Fleisch: Bewusster Fleischkonsum, möglichst ein bisschen weniger und dafür sorgfältig ausgewählt – da ist nichts gegen zu sagen. Dabei muss niemand ein schlechtes Gewissen haben. Aber Massentierhaltung ist es nicht, deswegen ist es gut, wenn wir nicht ständig völlig routiniert und unbedacht Schnitzel und Currywurst mampfen, ohne uns darüber Gedanken zu machen.

Was sagt ihr dazu? Esst ihr gerne Fleisch? Achtet ihr auf bewussten Fleischkonsum? Was ist euch da wichtig? Schreibt es gerne in die Kommentare. Hier neben mir seht ihr noch einen weiteren Klimacheck, nämlich was eigentlich das 1,5-Grad-Ziel ist und hier findet ihr ein Video dazu, was Klimawandel eigentlich ist.

[1] http://www.fao.org/news/story/en/item/197623/icode/

[2] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zum Durchschnittsverzehr Fleisch in Deutschland, S. 16:

https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/BZL/Daten-Berichte/Fleisch/2019BerichtFleisch.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[3] https://www.klimatarier.com/de/CO2_Rechner

[4] Zahlen des Milchindustrie-Verbandes zur Milchleistung pro Kuh, S. 4

https://milchindustrie.de/wp-content/uploads/2017/10/Fakten_Milch_September_2017_A4.pdf

[5] https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/umweltbelastungen-der-landwirtschaft/lachgas-methan

[6] ebd.

[7] Der Thünen-Report zu Lachgas/Methan in der Landwirtschaft:

https://www.thuenen.de/media/institute/ak/Allgemein/news/Thuenen_Report_67.pdf

[8] Forum Umwelt und Entwicklung: Studie CO2-Emissionen Sojaanbau, S. 13ff

https://germanwatch.org/sites/germanwatch.org/files/publication/1074.pdf

[9] Dies., S. 16ff

[10] https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/beitrag-der-landwirtschaft-zu-den-treibhausgas#klimagase-aus-der-viehhaltung

[11] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_80_2015_aufbereitung_und_transport_von_wirtschaftsduengern_0.pdf

[12] https://www.landwirtschaft.de/diskussion-und-dialog/tierhaltung/tiertransporte

[13] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/02/PD20_036_413.html

[14] https://www.bmel.de/DE/Tier/Nutztierhaltung/Gefluegel/gefluegel_node.html

https://www.bmel.de/DE/Tier/Nutztierhaltung/Rinder/rinder_node.html   https://www.bmel.de/DE/Tier/Nutztierhaltung/Schweine/schweine_node.html

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/096/1709635.pdf

[15] Zahlen zu Import und Export der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, S. 13ff:

https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/BZL/Daten-Berichte/Fleisch/2019BerichtFleisch.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[16] https://ec.europa.eu/germany/news/20190701-eu-und-mercosur-staaten-umfassendes-freihandelsabkommen_de