Die Energiewende: Drei Mythen

Nein zur Atomkraft, nein zur Kohleenergie, ja wo soll denn dann mein Strom herkommen? Etwa von den hässlichen Windrädern, die mir die Aussicht kaputt machen und tausende Vögel schreddern? Auf keinen Fall! Das ist ja auch alles viel zu teuer und wenn dann mal kein Wind weht?! Ne das kann nicht funktionieren!

Habt ihr sowas in der Art vielleicht auch schonmal gehört? Die Windkraft hat in Deutschland keinen guten Ruf – es gibt viele Mythen und Fake News zu dem Thema – Zeit also, dass wir uns das genauer anschauen!

Über den Kohleausstieg haben wir bereits ein Video gemacht, wenn ihr euch also nochmal anschauen wollt, warum wir überhaupt über alternative Energien sprechen müssen, dann klickt doch gerne mal auf das i. Aber selbst wenn ihr das Video noch nicht gesehen habt, wichtig ist vor allem, dass Deutschland bis spätestens 2038 komplett aus der Kohleenergie aussteigen will. Stattdessen setzt man dann in Zukunft auf erneuerbare Energien. Und weil die Windenergie mehr als die Hälfte der erneuerbaren Energien ausmacht, müssen wir uns die besonders anschauen.[1] Denn da gibt es einige, die ziemlichen Wind darum machen.

Hier kommst du zu dem Video

Mythos 1: Windräder sind schädlich

Das erste: Windkraftanlagen sind schädlich, ja, sie schaden sogar mehr als sie nutzen!

Windräder können eine extreme Gefahr für Vögel darstellen, sagen sie. Und auch auf uns Menschen haben die Windräder laut den Windkraftgegnern enorme Auswirkungen: Die summenden Geräusche stören, die Anlagen erzeugen Infraschall, der die Menschen krank macht und so weiter. Und darüber hinaus sind die Windräder schlicht hässlich und verschandeln die Aussicht aus dem eigenen Garten.

Das schauen wir uns der Reihe nach an. Dass die Dinger keinen Schönheitspreis gewinnen, okay, das ist zweifellos richtig. Aber dem steht entgegen, dass die wenigsten Menschen Windräder wirklich in unmittelbarer Nähe stehen haben. Im Gegenteil, immer strengere Abstandsregelungen sorgen dafür, dass Windräder immer weiter von Siedlungen entfernt gebaut werden müssen. In Bayern zum Beispiel muss eine Windkraftanlage mindestens das 10-fache ihrer Höhe von den nächsten Häusern entfernt sein.2 Das sind bei einem Windrad mit 200m Höhe immerhin zwei Kilometer Abstand. Da kann man zumindest nicht davon sprechen, dass der eigene Vorgarten dadurch verschandelt wird. Im Gegenteil, gerade wegen diesen strengen Regeln, wurden in den letzten Jahren schon immer weniger Windräder gebaut.[3]

Wir benötigen viele Windräder

Und das ist ein Problem: Denn Deutschland verbraucht richtig viel Strom. 2019 lag der Bruttostromverbrauch, also die gesamte Strommenge, die verbraucht wird, bei 571 Terawattstunden.[4] Bevor ich jetzt aber wieder anfange, bei so einer hohen Zahl die Nullen zu zählen, sagen wir einfach, wir verbrauchen seeeeehr viel Strom. Und um das in Zukunft auch leisten zu können brauchen wir viele Anlagen zur Energieerzeugung, also auch viele Windräder. Bisher haben erneuerbare Energien erst einen Anteil von 42,1% am Bruttostromverbrauch, im Jahr 2050 sollen es aber 80% sein.5 Da ist also definitiv noch einiges zu tun.

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Windräder sind für Vögel gefährlich

Aber was ist nun mit den Vögeln? Tja, die Vögel sind tatsächlich ein Problem. Aber ein nicht so großes, wie Windkraftgegner oft behaupten. Die exakte Zahl der Vögel, die an Windrädern verunglücken ist sehr schwer zu bestimmen. Sicher ist jedoch: Glasscheiben, Autos oder Katzen sind oft eine größere Gefahr für viele Tiere.[6] Viel bedeutsamer ist es, dass die Windräder eine Gefahr für besonders bedrohte Vogelarten darstellen, zum Beispiel den Rotmilan. Aber auch an diesem Problem wird seit Jahren gearbeitet: So wird vor dem Bau neuer Anlagen durch Gutachten ermittelt, ob in dieser Gegend geschützte Vogelarten nisten.[7]

Dezentrale Energie

Naturverträgliche Windenergie am richtigen Standort

Die Wahl des richtigen Standortes ist also sehr entscheidend für naturverträgliche Windenergie. Falls dennoch bedrohte Tiere in die Nähe von Windparks ziehen, wird zum Beispiel mit Futter gearbeitet, um die Tiere von den Anlagen wegzulocken. Und seit kurzem gibt es auch spezielle Software an den Windrädern selbst, die erkennt, wenn ein Vogel angeflogen kommt. Die Rotorblätter werden dann verlangsamt, so dass der Vogel gut ausweichen kann.[8] Ihr merkt also: Auch hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan – und wird sich demnächst sicher auch noch einiges tun.

Infraschall der Windräder macht Menschen krank

Schauen wir uns noch an, wie Windräder die Menschen stören: Der vielfach angeführte Infraschall zum Beispiel ist definitiv auch ein Mythos. Infraschall ist ein niederfrequenter Schall, der lange Zeit im Verdacht stand, krank zu machen. Dass das stimmt, ist medizinisch umstritten. Aber unabhängig davon: Seit über 10 Jahren schon dürfen nur noch Windkraftanlagen gebaut werden, die sehr wenig Infraschall erzeugen. Deren Schall ist nur wahrnehmbar, wenn man wirklich direkt vor der Anlage steht.[9] Für Wohngebiete stellt das also keine Beeinträchtigung dar, selbst nicht, wenn ihr in der Nähe von Windkraftanlagen spazieren geht. Dagegen ist der Infraschall im städtischen Straßenverkehr oder im Auto auf der Autobahn übrigens deutlich stärker.[10]

Mythen Energiewende

Und genauso ist es auch mit der Lärmbelästigung insgesamt: früher gab es sehr laute Windkraftanlagen. Inzwischen werden aber nur noch deutlich modernere Anlagen verbaut, die klare Auflagen in Sachen Schallschutz erfüllen müssen. So ist auch das ein veralteter Mythos.[11]

Lebt ihr vielleicht in einer Gegend mit vielen Windkraftanlagen? Wie geht es euch damit? Schreibt es gerne in die Kommentare.

Mythos 2: Kein Wind – keine Energie!

Kommen wir zum nächsten Thema: Manche Menschen haben Angst, sich abhängig zu machen von erneuerbaren Energien. Ihr Argument ist oft: Und klar, das ist ein logisches Argument. Wir wollen ja unser Smartphone auch laden, wenn gerade kein Wind weht.

Und das ist definitiv ein Thema, das beim Ausbau der Windenergie beachtet werden muss: Wind weht ungleichmäßig und man kann ihn nur schwer genau voraussagen. Aber auch hier hat sich die Technik weiterentwickelt. Dass das also ein unlösbares Problem wäre – das ist definitiv ein Mythos! Im Gegenteil, viele Experten und Expertinnen kommen immer mehr zu dem Schluss, dass dieses Problem – die sogenannte Dunkelflaute – vollkommen überschätzt wird.[12]

Dezentrale Windkraftanlagen schaffen zuverlässige Stromversorgung

Aber schauen wir uns das an: Denn zunächst Mal werden Wind- und Sonnenenergie dezentral erzeugt. Das heißt, es reicht einfach nicht, ein paar Windkrafträder in die Nordsee zu stellen, oder ein paar Felder mit Solaranlagen vollzustellen. Nein, beides braucht es großflächig verteilt an ganz vielen Stellen in Deutschland. Und wenn man Solaranlagen und Windkraftwerke in ganz Deutschland hat, dann ist die Chance, dass irgendwo Wind weht oder die Sonne scheint, schon mal deutlich höher. Man kann das Stromnetz entsprechend anpassen, sodass man dennoch deutschlandweit den Strom nutzen kann.[13]

Mit dezentralen Anlagen und intelligent genutzten Netzen sind sich die Forscher und Forscherinnen sicher, kann auch ohne große Kraftwerke eine zuverlässige Stromversorgung klappen.

Windkrafttechnologie ermöglichen das Speichern von Energie

Aber eins fehlt dabei noch: die Speicher. Denn klar, in Zeiten, in denen viel Wind weht muss Energie gespeichert werden, die man eben dann nutzen kann, wenn kein Wind weht. Ein gerne genutztes Argument von Windkraftgegnern ist: Solche Speicher gibt es ja noch gar nicht! Aber das ist wieder ein schon längst veralteter Mythos – vielleicht auch Fake News sozusagen. Es gibt inzwischen viele verschiedene Technologien, die das Speichern von Energie ermöglichen. Es gibt Pumpspeicherkraftwerke, Großbatterien oder Wasserstoffspeicher.[14] Wenn also diese Speichertechnologien in Zukunft weiter ausgebaut werden, die Stromnetze modernisiert werden, dann kann eine erfolgreiche Energiewende gut funktionieren.[15]

Windkraftanlagen

Mythen der Energiewende – 3: Das ist viel zu teuer!

Das bringt uns direkt zum nächsten Punkt! Das liebe Geld. Denn wenn man so vieles neu bauen oder modernisieren muss, dann kostet das eine ganze Stange Geld. Klar, dass dann viele meinen: Die Energiewende ist zu teuer. Wenn wir zum Beispiel 95% unseres Stroms durch erneuerbare Energien erzeugen wollen, dann kostet das schätzungsweise 2,8% unseres gesamten Bruttoinlandsprodukts.[16] Und vor allem: Nicht nur für den Staat könnte es teuer werden, so die Befürchtung, sondern auch für uns alle, wenn die Kosten bei der Energieerzeugung auch auf die Verbraucher umgelegt werden. Müssen wir also schon mal anfangen zu sparen für die Energiewende?

Erneuerbare Energien reduzieren Kosten

Wenn man sich jetzt also nur diese Zahlen anschaut, dann ist es richtig, erneuerbare Energien sind nicht umsonst, vielleicht auch nicht billig. Allerdings gibt es da noch mehr zu bedenken. Zum einen: Aktuell importieren wir Strom. Und das kostet auch richtig viel, nämlich 1,9% unseres Bruttoinlandprodukts. Mit einem Ausbau erneuerbarer Energien könnte der Anteil des importierten Stroms sogar deutlich gesenkt werden.[17]

Und: Kohlestrom ist nicht günstiger. In unserem Video über den Kohleausstieg haben wir uns das genauer angesehen. Darin sind wir nicht nur auf die reinen Kosten zur Kohlestromerzeugung eingegangen, sondern auch auf die Umweltkosten, die durch Kohle entstehen. Und genau diese Umweltkosten gilt es im Auge zu behalten. Denn: je mehr wir in Windenergie statt Kohleenergie investieren, umso geringer sind ja auf der anderen Seite die Umweltkosten, die wir mit der Kohle verursachen. Während die Kohle uns also auf Dauer eine Menge Kosten beschert, sind das, was wir in die erneuerbaren Energien stecken, viel eher Investitionen, die sich langfristig lohnen. Der Energie- und Klima-Forscher vom Forschungszentrum Jülich Martin Robinius fasst das so zusammen: [18]

Und noch etwas: Durch den Ausbau erneuerbarer Energien werden auch sehr viele Arbeitsplätze geschaffen. Über 330.000 Menschen sind in diesem Sektor beschäftigt, Tendenz steigend.[19] Damit ist volkswirtschaftlich betrachtet der Öko-Strom längst nicht mehr so teuer, wie manche Energiewende-Gegner es behaupten. Auch diesen Mythos kann man also mit Argumenten gut widerlegen.

Und jetzt?

Fassen wir das alles mal zusammen. Aus heutiger Sicht lassen sich all diese Mythen widerlegen – um damit nicht nur den Windkraftgegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Argumente, die wir uns hier angeschaut haben, sind oft einfach veraltet. Für viele Probleme, die es früher gab, gibt es heute gute Lösungen.

Ihr müsst auch keine Angst haben, dass wir durch die Energiewende bald den totalen Blackout haben und wir alle keinen Strom mehr haben. Dann könntet ihr ja auch die Videos auf diesem Kanal gar nicht mehr verfolgen, den ihr ja vielleicht abonniert habt, um jede Woche frische Klimainfos zu bekommen.

Nein: Eine Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien ist möglich – flächendeckend und zuverlässig. Und der Umstieg ist auch nötig, denn wir müssen ja unsere Treibhausgasemissionen reduzieren, da kommen wir schlicht nicht drumherum. Die Energiewende muss also kommen. Den ersten Schritt dazu kann übrigens jeder von uns selbst tun und mithelfen: nämlich Strom sparen. Da haben wir euch übrigens auch mal in der Infobox hilfreiche Tipps verlinkt.

Wie ist es bei euch? Nutzt ihr oder eure Eltern Ökostrom? Achtet ihr darauf, woher euer Strom kommt?

Und hier neben mir findet ihr noch … und …

[1] https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/erneuerbare-energien-in-zahlen#strom

[2] https://www.fachagentur-windenergie.de/fileadmin/files/PlanungGenehmigung/FA_Wind_Abstandsempfehlungen_Laender.pdf

https://www.stmb.bayern.de/assets/stmi/buw/baurechtundtechnik/anwendungshinweise_der_10_h-regelung_stand_juni_2016.pdf

[3] Umweltbundesamt: Erneuerbare Energien in Deutschland. Daten zur Entwicklung im Jahr 2019, März 2020, S. 7, https://www.br.de/nachrichten/bayern/10h-regel-verhindert-neue-technologie-fuer-alte-windraeder,RirNT1x und https://www.windbranche.de/windenergie-ausbau/deutschland

[4] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/256942/umfrage/bruttostromverbrauch-in-deutschland/

[5] https://www.fz-juelich.de/portal/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/2019-10-31-energiestudie/_node.html

[6] http://www.bund-rvso.de/windenergie-windraeder-voegel-fledermaeuse.html

[7] https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/windenergie#natur

[8] https://buergerwindpark.de/vogelschutz.html

[9] Hau, Erich: Windkraftanlagen: Grundlagen, Technik, Einsatz, Wirtschaftlichkeit, Berlin/Heidelberg 2016, S. 673f.

[10] Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft: Tieffrequente Geräusche inkl. Infraschall von Windkraftanlagen und anderen Quellen, Karlsruhe 2020, S. 13.

[11] https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/windenergie#mensch

[12] Deutsches Klima Konsortium/u.a.: Fakten aus der Wissenschaft. Zu aktuellen Debatten rund um den Klimawandel, Berlin 26.03.2020, S. 5f. https://www.klimafakten.de/sites/default/files/downloads/fakten-aus-der-wissenschaft-final.pdf

[13] Ebd.

[14] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Textsammlungen/Energie/speichertechnologien.html

[15] Deutsches Klima Konsortium/u.a.: Fakten aus der Wissenschaft. Zu aktuellen Debatten rund um den Klimawandel, Berlin 26.03.2020, S. 5f.

[16] https://www.fz-juelich.de/portal/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/2019-10-31-energiestudie/_node.html

[17] https://www.fz-juelich.de/portal/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/2019-10-31-energiestudie/_node.html

[18] https://www.fz-juelich.de/portal/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/2019-10-31-energiestudie/_node.html

[19] http://www.bmwi-energiewende.de/EWD/Redaktion/Newsletter/2018/03/Meldung/direkt-erfasst_infografik.html