10. November 2021

Bezaubernde Aufnahmen, erschreckende Botschaft

Die Kraft der Bilder: Vergleichende Fotografien visualisieren Klimawandel. Eröffnung der Fotoausstellung „Auf den Spuren der Gletscher“.

Fabiano Ventura erklärt kleinen und großen Interessierten seine Beobachtungen der Gletscherveränderungen.

Fabiano Ventura erklärt kleinen und großen Interessierten seine Beobachtungen der Gletscherveränderungen.

„In einer kranken Welt können wir nicht gesund leben. Wir sollten uns selbst retten. Es wird immer vom ‚Planet retten‘ gesprochen, aber die Erde rettet sich selbst. Wir werden dann ausgestorben sein.“ Vor 55 geladenen Gästen findet der italienische Fotograf Fabiano Ventura mehr als deutliche Worte während der Eröffnung der Fotoausstellung „Auf den Spuren der Gletscher“ in der KLIMA ARENA.

Die Kraft der Bilder: Gletscherfotografien zeigen Klimawandel
Die Ausstellung visualisiert mit vergleichenden Fotografien aus Vergangenheit und Gegenwart die weltweite Gletscherschmelze. Dahinter steht das fotografisch-wissenschaftliche Projekt Venturas „On the trail of the glaciers“, das zum Ziel hat, die Auswirkungen den Klimawandels zu zeigen und ökologisches Bewusstsein zu stärken. Diese Botschaft vermittele er mit der visuellen Kraft seiner Fotografien: „Bilder haben Macht und unglaubliches Kommunikationspotenzial, sie sagen mehr als tausend Worte“. Hier sieht Christian Ledig, Vorstandsmitglied der Klimastiftung für Bürger, Parallelen zwischen der Arbeit der KLIMA ARENA und dem Forschungsprojekt Venturas: Beide setzen darauf, die Ziele Aufklärung zum Klimawandel und Anreize zum nachhaltigen Handeln auf emotionale Weise zu erreichen.

Der Bezug zum Zeitgeschehen: Größte Herausforderung unserer Zeit
Die immerwährende sowie politisch aktuelle Relevanz der Ausstellung betont Bernd Welz, Vorstandsvorsitzender der Klimastiftung für Bürger: „Es ist die größte Herausforderung unserer Zeit, wie wir dem menschengemachten Klimawandel begegnen. […] In der nächsten Zeit fallen Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen werden“ und verweist auf den Start der UN-Klimakonferenz in Glasgow und auf die Bildung der neuen Bundesregierung in Berlin.

Die Methode der Refotografie: Aus der Vergangenheit über die Gegenwart lernen
Fabiano Ventura erklärt in seiner Rede vor den Gästen der Vernissage und während seiner Führungen näheres zu seiner Mission und seinem Vorgehen. Er bereiste und fotografierte in sechs Expeditionen 22 Gletscher, gemeinsam mit Wissenschaftlern, die quantitative Daten erhoben. So entstand das weltweit größte fotografische Archiv von Gletscheraufnahmen – und eine Ausstellung, die in diesem Umfang Deutschlandpremiere in Sinsheim feiert.
Fabiano Ventura arbeitet mit der Technik der Refotografie, einem wissenschaftlich-fotografischen Vorgehen, bei dem exakte Orte historischer Fotografien aufgesucht und neue Aufnahmen angefertigt werden. Seine Aufnahmestandorte wurden per GPS markiert und dokumentiert, damit Wissenschaftler und Fotografen sie künftig einfacher wiederfinden und nutzen können als ihm selbst möglich war. Der Fotograf berichtet eindrücklich von seinen Recherchen, die ihn durch die Archive dieser Welt führten, um frühere Gletscheraufnahmen aufzutreiben, und von den vielen Stunden, in denen er sich durch historische Expeditionsnotizen und Tagebücher arbeitete, um möglichst viele hilfreiche Informationen für den genauen Aufnahmestandort seiner geplanten eigenen Gletscherfotografien zu erhalten.

Rückgang des Muir-Gletschers im Glacier Bay National Park in Alaska

Rückgang des Muir-Gletschers im Glacier Bay National Park in Alaska

Die Entstehung der Aufnahmen: Perfektionismus für maximale Wirkkraft der Bilder
Wenn Fabiano Ventura über seine Arbeit spricht, wird deutlich, welche Akribie hinter seinen Aufnahmen steckt und unter welch großem körperlichen und technischen Aufwand sie entstanden. Der Fotograf und die wissenschaftlichen Crews nächtigten oft unter extremen Wetterbedingungen in den Bergen und hatten stunden- bis tagelange Wanderungen mit schwerer Ausrüstung zu bewältigen. Der Fotograf suchte nicht nur den möglichst identischen Standpunkt der historischen Fotografen auf, sondern legte auch Wert auf die gleiche Jahres- und Tageszeit, damit derselbe Schattenwurf auf den Bildern zu sehen und eine möglichst große Vergleichbarkeit gegeben ist.

Die Dramatik der Schönheit: Vergleich und Schlussfolgerung
Die Ausstellung zeigt beides im Vergleich – die historischen Aufnahmen und die zeitgenössischen Fotografien Venturas. Auf allen kuratierten Bildern sind die Rückzüge der Gletscher mehr als deutlich zu erkennen. Während der Führung durch die Ausstellung verweist Ventura jeweils auf die „trim lines“ an den Bergen, die den Gletscherrückgang markieren, da man an ihnen erkennt, bis wohin das Eis früher einmal reichte. Wo auf den Aufnahmen von vor ca. 100 Jahren Eisberge, karges Geröll und verschneite Berge zu sehen sind, befinden sich heute teils grüne Landschaften mit Flüssen und Seen – mit wenig bis kaum noch sichtbarem Eis und Schnee. Viele Gletscher sind „tot“, weil es keine miteinander verbundenen Eismassen mehr gibt. Daraus entsteht eine interessante Diskrepanz zwischen den bezaubernden Landschaften und der erschreckenden Botschaft der massiven Auswirkungen der Erderwärmung und anderer Faktoren. Und wir tragen als Menschen dazu bei. Mit seiner vergleichenden Methode der Refotografie wolle er aufrütteln: „Die Leute sollen sehen, was gerade passiert, um besser zu verstehen, warum wir den Schalter gegen den Klimawandel sofort umlegen müssen!“
Sowohl das erwachsene Publikum der Vernissage-Eröffnung am Freitagabend als auch die Familien am Samstag und Sonntag, wurden von der Leidenschaft des Ehrengastes Fabiano Ventura und der Intensität seiner der fotografischen Vergleiche in den Bann gezogen und zum Nachdenken angeregt.